In die Sammlung geschaut - Haut von Stellerscher Seekuh?
Das Ende eines Mythos
Anfang des Jahres 2017 übergab Wieland Hintzsche von der Internationalen Georg-Wilhelm-Steller-Gesellschaft ein ca. 3 x 2,5 x 2 cm großes Stück Haut eines marinen Säugers an das ZNS (Fotos zeigen Rück- u. Vorderseite). Dieses als DNA-Probe gedachte Hautfragment wurde in den frühen 1990er Jahren Dr. Hintzsche durch den damaligen Leiter des Zoologischen Museums der Russischen Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg, Prof. Dr. Raoul Potapov, übergeben. Die Probe stammte vom in St. Petersburg ausgestellten Hautstück einer Stellerschen Seekuh, einer Riesenseekuh aus dem Nordpazifik, die seit dem Jahre 1769 als ausgestorben gilt. Georg Wilhelm Steller (1741, nach seinem Tod durch Simon Peter Pallas publiziert) verfasste während der Großen Nordischen Expedition unter dem Kommando von Vitus Bering die Erstbeschreibung dieses absonderlichen Meeresbewohners. Bis dahin kannte man Seekühe nur aus den tropischen und subtropischen Küsten- und Fließgewässern Asiens, Afrikas und Amerikas.
Viele Dutzend Skelette bzw. Skelettteile der Seekuh aus dem Nordpazifik verteilen sich derzeit auf 55 naturwissenschaftliche Sammlungen weltweit, aber von ihrer Haut kannte man bis dato nur wenige Stücke: Das besagte Exemplar am Zoologischen Museum in St. Petersburg, drei Häute am Übersee-Museum in Bremen und ein fünftes Fragment in der Riemer-Sammlung von Lutherstadt Wittenberg.
Intensive wissenschaftsgeschichtliche, morphologische wie genetische Untersuchungen haben nun allerdings ein anderes Licht auf die Häute geworfen: Sie stammen nicht von der Seekuh, sondern alle vom Pazifischen Nordkaper, einer Walart, die nur im nördlichen Pazifik zwischen dem Ochotskischen Meer bis zur Beringsee bzw. zum Golf von Alaska vorkommt. Die Provenienz der Häute aus der Gegend der Beringinsel könnte also stimmen, aber die Artzugehörigkeit war über 250 Jahre falsch vermutet worden. Die russischen Kollegen reagierten auf die Nachricht der Analyse aus Halle (Saale) mit Humor: „You killed our holy cow“.
Text: Frank D. Steinheimer - Fotos: Joachim Händel